(Un-)Sichtbarkeit — die Geschichte der Kryptogamen
Der äußerste Westen der Grafschaft Cork ist ein von Regen und Nebel verhülltes Land. Ein Land, in dem die Verbindung zur Vergangen- heit in Form von Geschichten, Musik und Ruinen noch immer lebendig ist. Es ist aber auch ein Land, in dem uralte kryptogame Pflanzen gedeihen. Der Begriff „kryptogam“ setzt sich aus dem griechischen „kryptos“ (ver- borgen, versteckt) und „gamein“ (sich fort- pflanzen, heiraten) zusammen. Kryptogamen sind eine Gruppe von Pflanzen und Algen, die im Gegensatz zu „modernen“ Pflanzen weder Blüten noch Samen produzieren. Bei ihnen ist die Vermehrung eine verborgene, unsichtbare Angelegenheit, bei der sich winzige, freischwimmende Spermien zur Befruchtung von Pflanze zu Pflanze bewegen. Dies ähnelt der Fortpflanzung der pflanzlichen Vorfahren, der Grünalgen, die vor Millionen von Jahren in Meeren und Ozeanen lebten. Tatsächlich können sich die Kryptogamen wie Moose und Farne nur in feuchten Gegenden vermehren. Ihr „primitiver“Lebensstil verbindet uns unmittel- bar mit einer fernen Vergangenheit vor etwa 500 Millionen Jahren, als Pflanzen erstmals festen Boden besiedelten. Das Erscheinen der ersten Pflanzen an Land, der kryptogamen Moose, hatte gewaltige Auswirkungen: Sie verwandelten eine staubige, graubraune Welt in eine üppige, grüne Welt, in der viel, viel später erstaunliche Kreaturen wie Dinosaurier (vor etwa 250 Millionen Jahren) und schließlich Menschen auftauchten (vor etwa 300.000 Jahren).
Glenkeen Garden liegt am Ufer der Roaringwater Bay, einer Bucht des Atlantischen Ozeans. Das grüne Land ist feucht (über ein Meter Niederschlag im Jahr) und es gedeihen Kryptogamen, die von win- zigen einheimischen Lebermoosen bis hin zu riesigen australischen Baumfarnen reichen. Sie besiedeln ungehindert kahle Felsen, Wände, Dächer, Baumstämme und jeden beliebigen anderen Gegenstand, ganz wie es ihre Vorfah- ren schon vor Millionen von Jahren getan haben. Die meisten Kryptogamen sind winzig, aber in ihrer Masse haben sie über die Jahr- tausende eine der charakteristischsten Land- schaften Irlands geformt – das irische Torf- moor. Dies verbindet diese historische Gruppe genügsamer Pflanzen übrigens mit einer der größten Herausforderungen, denen der Planet Erde im 21. Jahrhundert ausgesetzt ist: dem Klimawandel. Torfmoore speichern enorme Mengen an Kohlenstoff und sind ein wesent- liches Element, um unseren Planeten gesund zu erhalten. Somit verknüpfen Kryptogamen eine ferne Vergangenheit mit einer gesunden Zu- kunft; ihre Fähigkeit, extreme Ereignisse wie Massenaussterben, Eiszeiten, Vulkanausbrüche und Erdbeben zu überstehen, ist überwäl- tigend. Diese multidimensionalen Aspekte der Kryptogamen sind einerseits beeindruckend, werden jedoch andererseits von Wissenschaft und Kunst weitestgehend übersehen (in diesem Sinne hat „kryptos“ wohl mehrere Bedeutungsebenen).
Diese Lücke füllt Markus Huemer. Bei seiner Ankunft in Glenkeen ließ er sich spontan von den unzähligen Kryp- togamen inspirieren, den an Land gespülten Algen am Rande des Gartens, den Moosen und Farnen in seiner Tiefe, dem epiphytischen Wachstum der Algen und Moose auf Baum- stämmen. Sich von Kryptogamen inspirieren zu lassen heißt, sich von einer unsichtbaren
Welt inspirieren zu lassen – einer Welt ohne Ablenkung durch bunte Blütenblätter und sinnliche Düfte. Es ist eine ruhigere, ältere Welt, die zum Wesen des Lebens und den Kernbeziehungen zwischen Umwelt und Mensch zurückführt. Markus hat diese Beziehungen in seinen Gemälden durch eine begrenzte Farb- palette, kräftige Linien und sorgsam in das breitere Umfeld eingefügte Pflanzenteile wirkungsvoll eingefangen. Er greift darüber hinaus eine Analogie zwischen Kryptogamen und Kryptowährungen auf: ihre (Un-)Sicht- barkeit. Zwar kann man bezweifeln, ob Krypto- währungen ein derart langes Überleben be- schert sein wird wie den Kryptogamen – aber die beiden Bereichen gemeinsame Betonung des „Verborgenen“ in einer Gesellschaft, die Offenheit und Transparenz predigt, bleibt eine inspirierende, rätselhafte und vielleicht auch etwas beunruhigende Perspektive.
Prof. Marcel Jansen