Verleihung des WORTMELDUNGEN-Literaturpreises 2019 an Thomas Stangl

Für seinen Text „Die Toten von Zimmer 105“ ist der Österreicher Thomas Stangl mit dem WORTMELDUNGEN-Literaturpreis 2019 ausgezeichnet worden. Die Verleihung des mit 35.000 Euro dotierten Preises für kritische Kurztexte der Crespo Foundation fand am Samstag, 25. Mai 2019, in den Kammerspielen Frankfurt statt. In einem anschließenden Podiumsgespräch diskutierten Expert*innen aus verschiedenen Bereichen über die in Stangls Erzählung vorherrschenden Themen Alter, Demenz und Sterben. Szenisch gerahmt wurde die Veranstaltung durch den Kabarettisten Michael Quast, der unserem gesellschaftlichen Umgang mit ebendiesen Themen humorvoll den Spiegel vorhielt.

In seiner Geschichte stelle Stangl eines der großen Themen unserer Zeit in den Mittelpunkt: Die Alten in unserer Gesellschaft und wie es ihnen gehe, wenn sie dement, krank und vergessen würden – so die Begründung der Jury des WORTMELDUNGEN-Literaturpreises, bestehend aus Rudi Hurzlmeier, Sandra Kegel, Cornelia Koppetsch, Stephan Lebert, Elif Özmen, Thomas Strässle und Daniela Strigl.

„Die Relevanz von Thomas Stangls Text besteht darin, dass er die Lücke schließt zwischen dem stereotypen, öden und folgenlosen Gejammer über schlimme Zustände in der Altenbetreuung, und den uns allen bevorstehenden letzten Metern eines Lebens, die viel mehr sind als diese letzten Meter“, sagte Juror Stephan Lebert in seiner Laudatio. Unsere Gesellschaft habe beschlossen, das Leben in Altersheimen als Horror zu bezeichnen, anstatt alte Menschen als das zu sehen, was sie seien – nämlich Expert*innen des Lebens, so Lebert weiter.

„Ich freue mich, dass die Jury sich für einen 'leisen' Text wie meinen entschieden hat“, sagte Thomas Stangl in seinen Dankesworten. Seiner Meinung nach habe Schreiben eine Ethik, und gerade in Zeiten, in denen fundamentale Menschen- und Freiheitsrechte offen in Frage gestellt würden, sei das besonders wichtig, so der Preisträger. Der Gewinnertext ist in dem kürzlich im Droschl Verlag erschienenen Erzählband „Die Geschichte des Körpers“ enthalten. 

Mit der Fragestellung „Im Schreiben tauschen Leben und Tod höflich die Plätze oder: Kann man dem Tod die kalte Schulter zeigen?“ rief Stangl im Anschluss an seine Dankesworte Nachwuchsautor*innen dazu auf, sich literarisch und inhaltlich mit seinem Preisträgerthema auseinanderzusetzen und für den WORTMELDUNGEN-Förderpreis 2019 zu bewerben. Die Autor*innen dürfen nicht älter als 30 Jahre alt sein, Bewerbungsfrist ist der 30. Juni 2019.

In der Gesprächsrunde „Was nicht zum Spiel gehört“ – Unser Umgang mit Alter, Demenz und Sterben setzten sich der Palliativmediziner Ingmar Hornke, der Journalist und Autor Tilman Jens, die Soziologin Helen Kohlen sowie die Schauspielerin Anke Sevenich – angeleitet von Moderatorin Cécile Schortmann – aus ganz unterschiedlichen Perspektiven mit den Themen des Preisträgertextes auseinander. 

Es ging um einen würdevolleren und offeneren Umgang mit dem Tod, um die Situation von Demenzkranken, Solidarität, Patientenverfügungen und Vorsorgevollmachten, Pflegeroboter und die Pflegesituation in Deutschland. „Wir haben noch keine Pflegekatastrophe, aber sie kommt!“, prophezeite der Mediziner Ingmar Hornke. Und damit nicht genug: Die traurige Realität sei, dass künftig die Hälfte aller Deutschen an Demenz erkranke und 80 Prozent auf fremde Hilfe angewiesen sein würde, so Hornke weiter. „Wir brauchen mehr gut ausgebildete und besser bezahlte Pflegekräfte, nicht mehr Expert*innen, die den Pflegekräften erzählen, was sie zu tun haben!“ – lautete das Fazit der Gesprächsteilnehmer*innen.

Dass es manchmal auch entlasten kann, dem Thema mit Humor zu begegnen, reflektierten die Podiumsteilnehmer*innen in ihrer Abschlussrunde. Vorgemacht hatte dies zu Beginn des Abends bereits Michael Quast mit der szenischen Lesung „Ach lassen Sie sich Zeit“, die eigens zur Rahmung von Preisverleihung und Podiumsgespräch in Zusammenarbeit mit dem Autor Rainer Dachselt entstanden war.

Über den WORTMELDUNGEN-Literaturpreis
WORTMELDUNGEN – Der Literaturpreis für kritische Kurztexte wird von der Crespo Foundation ausgelobt. Er ist mit 35.000 Euro dotiert und wird jährlich für herausragende literarische Kurztexte verliehen, die in der Auseinandersetzung mit aktuellen gesellschaftspolitischen Themen den Nerv der Zeit treffen. Der mit 15.000 Euro dotierte Förderpreis soll junge Autor*innen motivieren, sich mit dem Thema des Gewinner*innentextes auseinanderzusetzen und eine eigene literarische Position zu formulieren.
>> Hier geht´s zur Webseite des WORTMELDUNGEN-Literaturpreises!

Über den WORTMELDUNGEN-Förderpreis
Der mit insgesamt 15.000 Euro dotierte Preis richtet sich an deutschsprachige Nachwuchsautor*innen bis 30 Jahre, die noch keine eigenständige literarische Buchpublikation verfasst haben. Bis Ende Juni haben diese Gelegenheit, sich mit der von Thomas Stangl formulierten Frage auseinanderzusetzen und eine eigene literarische Position in Form eines noch unveröffentlichten Kurztextes (Essay, Rede, kurze Prosa, Erzählung) zu formulieren. Die Crespo Foundation möchte mit dem WORTMELDUNGEN-Förderpreis junge Autor*innen motivieren, gesellschaftspolitische Themen in den Fokus zu nehmen und literarische Positionen zu aktuellen Diskursen zu entwickeln.
>> Alle Infos über den WORTMELDUNGEN-Förderpreis finden Sie hier!

Foto: Jörg Baumannn