Lesereise der open mike Preisträger

Sie haben sich beim alljährlich in Berlin ausgetragenen wichtigsten Nachwuchswettbewerb für deutschsprachige Literatur open mike am 12. und 13. November gegen mehr als 600 Mitstreiter durchgesetzt. Nun machten sich die Sieger Sandra Burkhardt, Rudi Nuss, Thilo Dierkes und Benjamin Quaderer auf den Weg nach Frankfurt, um dort im Literaturforum der Mainmetropole aus ihren prämierten Texten vorzulesen.

Am 8. Dezember 2016 war die Gewinnertruppe des 24. open mike-Wettbewerbs für junge deutschsprachige Literatur erstmals zu Gast im Mousonturm, um ihre preisgekürte Lyrik und Prosa einem begeisterten Frankfurter Publikum zu präsentieren. Der Mousonturm ist seit vielen Jahren Heimat des Hessischen Literaturforums und zählt zu den wichtigsten Orten für Literatur in Hessen.

Die Leipzigerin Sandra Burkhardt las aus ihrer „Gedichtsammlung“ vor, während der 22-jährige Berliner Rudi Nuss, Gewinner des taz-Publikumspreises, die Zuhörer mit „Kurze Szenerie mit Loch“ auf eine wilde Fahrt mitnahm. Der Freiburger Thilo Dierkes gab Auszüge aus seinem mit dem ersten Preis prämierten Text „Von Ajaccio her“ zum Besten, der Österreicher Benjamin Quaderer entführte das Publikum mit „Für immer die Alpen“ auf eine Reise ins Unnahbare, Wunderliche der frühen Kindheit.

Alle Wettbewerbstexte sind als Anthologie im Allitera Verlag (www.allitera.de) erschienen und dort bzw. im Buchhandel erhältlich. Eine Lesung der 24. open mike-Preisträger im Sommer 2017 in Bern ist in Planung.

Der open mike wurde 1993 erstmals verliehen, heute ist er der wohl bedeutendste deutschsprachige Literatur-Nachwuchswettbewerb. Wer hier gewinnt, hat gute Chancen, sich im Literaturbetrieb zu etablieren. Unter den bisherigen Gewinnern: Karen Duve, Kathrin Röggla, Judith Zander und Inger-Maria Mahlke.

Der Wettbewerb ist eine Gemeinschaftsveranstaltung des Haus für Poesie und der Crespo Foundation.

Foto: Katja Kleespies

DIE PREISTRÄGER IM ÜBERBLICK
Sandra Burkhardt (Lyrikpreis)
Thilo Dierkes (1. Prosapreis)
Rudi Nuss (taz-Publikumspreis)
Benjamin Quaderer (2. Prosapreis)

AUSZÜGE AUS DEN GEWINNERTEXTEN 
in der Anthologie / Von Timo Brandt

Ich weiß noch: als ich die Gedichte von Sandra Burkhardt beim Open-Mike hörte, mochte ich sie nicht. Mir waren die Stimmen zu fern, die sich bei ihr die Hand zu reichen schienen und sich in ungenaue Höhen und Tiefen erstreckten; das Mysteriöse und Metaphorische darin hielt ich für eine leere Täuschung. Ich muss diesen Eindruck revidieren. Es ist schlicht faszinierend, auf welch ausschweifende und gleichzeitig dezente Weise diese Gedichte mit Petrarca, mit dem Leser, mit sich selbst, mit Gegenständen, Hoffnungen und anderen, sich einschleichenden Spiegeln und Hüllen korrespondieren. Eigentlich wird zu keiner Zeit wirklich kommuniziert. Aber gerade das ist so verblüffend: Obwohl keine Kommunikation sich herauskristallisiert, kein Gespräch sich festmachen lässt, wird etwas gewebt, das ein sehr viel offeneres Gespräch ergibt, bei dem jede_r teilnehmen kann.

Thilo Dierkes Text „Von Ajaccio her“ beginnt unscheinbar und seltsam. Wer spricht da jemanden mit Josephine an und hält sich anscheinend für Napoleon? Der Text schleicht sich an, zoomt heraus, zoomt heran. Langsam, und dann doch sehr schnell, erkennt man die Stürme in den Zeilen, und das Unscheinbare und Seltsame wandelt sich, wird zu erzählerischer Kraft, eine gnadenlose-grandiose Abrechnung hat begonnen, schon bevor man es bemerkte und ist jetzt im vollen Gang, konterkariert von den harmlos und idyllisch wirkenden Kleinstadt-Intermezzos, die nur den Druck verstärken auf die leidenschaftlichen Zeilen der Stimme, die an Josephine schreibt, die verlangt und verabscheut, die abrechnet und ihre Unverstandenheit mit Worten zu kompensieren sucht. Ein wunderbarer Text, den jeder lesen sollte, und zurecht einer der Gewinner des Open-Mike 2016.

Ein Loch taucht auf, mitten in den Wäldern von Ahrensburg, ein perfektes Loch von unvorstellbarer Tiefe – und damit beginnt die wilde Fahrt, ein metaphysisches, aberwitziges, heftiges, zärtliches Epos, voller erstaunlicher Momente der Schönheit, unterlegt mit einem dunklen, bedrohlichen Soundtrack. Rudi Nuss‘ „kurze Szenerie mit Loch.“ ist phantastisch, aber auch realistisch. Sie verschmilzt diese beiden Kategorien (auch unter Zuhilfenahme von Anspielungen auf Massenphänomene, Popkultur und spirituellen Einschüben) zu einem Wirklichkeitskonzept, das ebenso beängstigend wie beruhigend wirkt. Es geht um unglaublich viel in diesem Leben, das so sinnlos ist, flüstert der Text einem zu; und da ist diese verrückte Welt, voller Fluchtphantasien, voller Fanatismus, und außerdem ist da dieses Loch, in dem alles enden wird, dem man nicht gegenübertreten kann. Oder vielleicht doch? Denn so sehr diese Szenerie nach einer Dystopie aussehen mag – in der Traurigkeit und der Hilflosigkeit ihrer ProtagonistInnen blüht immer noch die Hoffnung auf eine besser Welt, vielleicht hinter dem Loch, vielleicht ja auch schon davor.

Ich bin hineingetaucht und beinahe sprachlos geworden vor so viel Erzählkraft und Witz. Benjamin Quaderers Auszug „Für immer die Alpen“ ist ein kleines Wunderwerk, ein Reise in das Unnahbare, Wunderliche der frühen Kindheit, mit einem Blick für das Komische und das Magische in den einfachsten Regungen und Wünschen. Es ist wahr, was ich jemand anders über den Text habe sagen hören: dass man immer noch mehr hören will, unbedingt weiterlesen will. Ich hoffe, dieses Kompliment reicht aus, um zu zeigen, wie glücklich ich bin, dass ich diesen Text kennenlernen, hören, lesen durfte.