Es gibt jeden Tag etwas zu entdecken! - Prof. Bernhard Wulff, Musikhochschule Freiburg, über die Welt der Percussion

Frage: Viele Westeuropäer kennen Schlaginstrumente als Teil von Orchestern und Musikgruppen. In einigen uns fremden Kulturen ist Percussion aber auch eine Annäherung an die Natur, ein spiritueller Zustand. Sie leiten Musikfestivals z.B. in der Mongolei und in Vietnam - was hat der freie Himmel einem Konzertsaal voraus?  
Bernhard Wulff: In der Tat haben diese Instrumente in ihrer eigenen Kultur eine spezielle Aufgabe und Funktion. Es ist ein großartiges Erlebnis, sie in ihrem jeweiligen Umfeld zu erleben. In der Mongolei musizieren wir deshalb in der Wüste Gobi mit den Nomaden und in Vietnam, Indonesien, Laos, Kambodscha mit den traditionellen Musikern vor Ort. Der Dialog mit der Natur ist dabei ein ganz besonderes Erlebnis, weil viele Musizierformen für eben diesen entwickelt wurden. In der Mongolei singen die Nomadenfrauen für die neu geborenen Lämmer und Zicklein und sichern so deren Überleben und auch das Überleben der Nomadenfamilie. Musik ist dort kein Ornament des Alltags, sondern eine Überlebensstrategie unter harten Naturbedingungen: Musik zum Überleben.    
Frage: Was könnte dort in der Wüste Gobi mit uns passieren?  
Bernhard Wulff: Dinge wie in einem Märchenbuch… In der Einsamkeit und der fast dröhnenden Stille der Gobi wird jedes kleine Detail wichtig. Ein einzelner Baum in der ansonsten baumlosen Steppe hat eine wichtige Bedeutung - ähnlich wie ein musikalischer Ton in der Stille. Meist antwortet die Natur auf unsere Konzerte - mit Aktionen, die man zunächst dem Zufall zuschreibt - bis sich die Zufälle häufen. Die Mongolen leben im engen Kontakt mit der Natur; sie haben ein anderes Naturverständnis als wir in Deutschland. Ein Besuch in der Gobi - in Verbindung mit Musik - schärft unsere Sensibilität. Wir hören die für uns fremde  traditionelle Musik der Mongolen mit den Ohren der neuen Musik und die neue Musik mit den Ohren der Volksmusik, »...wie die Musik eines unbekannten Volkes, das ich gerne kennen lernen möchte« - wie ein Nomade sagte.
Frage: Welches war das ungewöhnlichste Schlaginstrument, das Ihnen auf Ihren bisherigen Erkundungen begegnet ist?  
Bernhard Wulff: Das lässt sich nicht so einfach beantworten. Unsere Instrumente bestehen aus Holz, Metall, Fell und anderen Materialien; wir haben eine unglaublich reiche und farbige Instrumentenfamilie und es gibt jeden Tag etwas zu entdecken. Insbesondere, wenn einem auf Reisen bislang unbekannte Instrumente begegnen. Doch das wichtigste Instrument für Schlagzeuger sind seine Hände und seine Ohren. Mit Begabung muss auch eine Tasse oder ein Teller zum Klingen gebracht werden können. Unvergesslich ist für mich ein blinder Musiker in Afrika. Er saß am Fluß, nahe einem Fähranleger und hatte sich aus einem Blechkanister eine Kalimba gebaut, ein Daumenklavier, dessen Metallzungen mit Fingern gezupft werden. Leise, aber mit unendlich vielen Farben und rythmischen Varianten spielte er eine Musik voller Zärtlichkeit und diskreter Vitalität. Aristokratischer Stolz und auch Zerbrechlichkeit, Freude und Trauer waren in seinem Spiel. Ein  unerhörter Reichtum an Ausdruckvielfalt und Differenziertheit. Ich hörte ihm über eine Stunde bis zur Abfahrt der Fähre zu und habe seinen Klang auch heute noch im Ohr.
Frage: Selbst Musiker, engagieren Sie sich als Mittler und Brückenbauer zwischen musikalischen Welten: Wie wichtig sind Ihnen dabei neue Workshop-Konzepte?  
Bernhard Wulff: Musik muss sich in der Regel selber vermitteln können, sie  erwartet aber vom Betrachter bzw. Hörer die Bereitschaft, eine geistige Eigenleistung zu erbringen. Vorbedingung in der Musik ist das Hinhören, Zuhören - das aktive Hören. Neue Musik verlangt vom Hörer allerdings die Bereitschaft einer zusätzlichen Eigenleistung des Hörens. Für diese Bereitschaft  muss der Hörer erst gewonnen werden. Dazu dienen Vermittlungsprojekte, um einerseits das Hören Neuer Musik als sinnlichen Genuß erfahrbar zu machen. Auf der anderen Seite bieten die Schlaginstrumente vielfältige Möglichkeiten, aktiv neue Klänge und neue Kommunikationsmodelle zu erproben. Sich auf etwas neues oder anderes einlassen zu können ist auch eine kulturelle Leistung. Workshopkonzepte können dazu dienen, dem Anderen und Fremden mit Respekt zu begegnen.
Frage: open percussion, initiiert von der Crespo Foundation, ist ein Workshop von Percussionisten mit Frankfurter Hauptschülern. Wie gehen die Musiker vor, um die beteiligten Jugendlichen in den Bann Neuer Musik zu ziehen?  

Bernhard Wulff: Schlaginstrumente bieten die einmalige Chance, sofort mit fertigen Klängen zu arbeiten und relativ rasch zu einen Erfolgserlebnis zu kommen. Wir arbeiten in drei verschiedenen Gruppen, so daß wir uns jedem Teilnehmer widmen können. Zu unserer Arbeit gehören rhythmische Konzepte, aber auch das genaue Hinhören durch die Kontrolle der Klangfarben. 
Frage: Was ist in Ihren Augen das Ziel eines solchen Workshops? Geht es dabei auch um Persönlichkeitsentwicklung?  
Bernhard Wulff: Nach den Workshop wird es eine gemeinsame Abschlußveranstaltung der Schüler und der Kursleiter bzw des Schlagzeugensembles geben. Für jeden Teilnehmer wird dies eine Herausforderung sein- wir achten darauf, daß niemand überfordert, aber jeder gefordert wird. Sich konzentriert einer Sache zu widmen, sie zu verbessern und zu einem sehr guten Abschluß zu bringen: Das ist eine prägende Aufgabe, an die sich jeder Teilnahmer nachhaltig erinnern wird.
Frage: In welche Bereiche möchten Sie mit Ihrer eigenen Arbeit künftig noch vordringen?
Bernhard Wulff: Nach meiner Auffassung liegt die Zukunft der Musik nicht mehr beim Klavier und den Streichinstrumenten- die wichtigsten Meisterwerke für diese wundervollen Instrumente wurde bereits geschrieben. Die Zukunft liegt nach meiner Ansicht im körperlichen Klang der Bläser, der menschlichen Stimme, dem Schlagzeug und der Elektronik. Die Schlaginstrumente bieten viele Einsatzmöglichkeiten für musiksoziologische Konzepte. Sie könnten einzigartig den Raum zwischen Bühne und Zuschauerraum auflösen. Dann gibt es Klänge bei den Schlaginstrumenten, deren heilende Wirkung in der Medizin einiger Kulturen eine Rolle spielen. Die bei uns bekannte »Musiktherapie« steht noch ganz an den Anfängen ihrer Möglichkeiten und verdient neue und kraftvolle Impluse.. Das sind zwei Beispiele aus Bereichen, die mich besonders interessieren

»Wir waren bei Roaring Hooves 2010 dabei!« Bericht des Percussionensemble Freiburg

Das Freiburger Percussionensemble nahm ab 14.06 bis 26.06.2010 an dem  Musikfestival »Roaring Hooves« in der Mongolei teil. Dieses Festival verbindet sowohl zeitgenössische und traditionelle  Musik, als auch andere Kunstarten wie traditionellen und modernen Tanz oder Mode-Präsentation. Insgesamt wirkte das Ensemble in 16 Konzerten mit verschiedensten Musikern und Tänzern aus der Mongolei, Deutschland, Belgien, Australien und Indonesien mit.
Die Schlagzeugstudenten spielten sowohl  Ensemble- als auch Solostücke von Komponisten wie S. Reich,  J .Cage, I. Xenakis, R. Kettle, N. Huber und B. Ferneyhough u.a. .
In den 14 Tagen des Festivals wurden drei große Konzerte in der Hauptstadt Ulan Bator gespielt: Das Eröffnungskonzert im National Museum of Mongolia, dann nach einer Woche das »Dinosaurier-Konzert« im Natural History Museum und das Abschlusskonzert im State Academic Drama Theatre. Zwischen den drei Hauptkonzerten fanden kleinere, aber wirklich fabelhafte Konzerte statt: Die Aufführungsorte waren für uns Musiker, aber auch für das Publikum sehr außergewöhnlich..
Die Musiker, Tänzer und Models präsentierten ihr Können in Jurten, auf einer Sanddünne der Wüste Gobi, in Seen wurde musiziert, auch in buddhistischen Klostern, und auch bei der Feier des Naadam Festivals. Das Publikum bestand meistens aus einheimischen Nomaden, Ringkämpfern und Reitern, aber auch aus Bewohnern des Touristischen Camps, buddhistischen Mönchen oder die in einem mit salzigem Heilwasser gefüllten See badenden Menschen. Nicht zu vergessen, dass uns auch Berge, Steppen, Seen, Pferde, die Wüste und das riesige Dschingis Khan-Denkmal belauschten. Außer den Konzerten gab es auch bei Workshops mit Obertongesang, Mongolischem Tanz, und traditionellen mongolischen Musikinstrumenten einen regen Austausch zwischen den Künstlern. Sehr wichtig war für uns die Erfahrung, mit mongolischen Musikern gemeinsam zu arbeiten. Die Begegnung der Neuen und traditionellen Musik funktionierte erstaunlich gut. Wir als Musik Studierende aus Deutschland staunten mit unseren europäischen Ohren genauso über die anderen Klänge, Instrumente und die Schönheit der Mongolischen Traditionen wie die Einheimischen, als sie uns zuhörten. Sehr interessant war folglich auch ein Workshop, wo alle Musiker sich gegenseitig ihre eigenen Instrumente vorstellten und zusammen musizierten.             

Als Ensemble haben wir aber nicht nur von dem kulturellen und musikalischen Austausch profitiert. Wenn ein Ensemble  dazu fähig ist, ein Stück wie z.B. Drumming von Steve Reich bei brennender Hitze im Wüstensand oder »Music for Pieces of Wood« bis zu den Knien im Wasser stehend zu spielen, wird es vermutlich nie wieder Probleme haben, das Stück in einem schönen Konzertsaal aufzuführen. Wir hatten die Möglichkeit, die vertraute und oft schon gespielte Musik neu zu entdecken. All diese extremen Erlebnisse werden uns sicher in unserem Musikerleben begleiten. Wir werden uns auf jeder Bühne an die Akustik und die besondere Stimmung zwischen den Felsen im Erdene Khamba Kloster erinnern und es wird unser Spiel ganz sicher bereichern. 

(Freiburger Percussionensemble, Okt. 2010)

 

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