
Das Projekt aus lehrersicht
Bericht von Peter Loewy von der Alois-Eckert-Schule
»Tanz überhaupt hat hohen Beliebtheitswert. Tanz mit Unterprivilegierten lässt spätestens seit dem Film »Rythm is it« die Augen jedes Pädagogen leuchten. Tanz in der Schule allerdings erzeugt mehr Bewegung, als man sich vorher jemals vorstellt. So gab es auch bei uns eine vage Vorstellung, Tanzen könne für unsere Schüler gut sein. Wir mögen es, die Schüler mögen es. Körpererfahrung, Körperintelligenz – Begriffe, mit denen es sich leicht hantieren lässt.
Sehr bald aber befanden wir uns gleichsam auf einem Schiff, das die Küste verließ, ohne dass am Horizont wieder Land zu erahnen war. Die Vorstellungen unserer Schüler, orientiert an ihren Idolen aus der TV-Welt, die Scham und Enttäuschungen darüber, dass sie weder diesen nacheifern konnten, noch dass diese überhaupt gefragt waren, ließen die See aufbrausen und brachten unser Schiff arg ins Wanken, der Kompass drehte sich im Kreis. Die Schüler selber versuchten sich zu retten, indem sie unentwegt und wie mechanisch sich gegen eine weiche Sportmatte an der Wand schmissen, um dort wenigstens aufgefangen zu werden und Halt zu finden. Kollegen riefen nach dem Rettungsboot oder griffen gleich nach dem Rettungsring und verließen das Schiff, solange die Küste noch in Reichweite war. Kapitän war von den Lehrern keiner mehr. Was war nun eigentlich unsere Rolle? Der Konflikt: Lehrer oder Teilnehmer, von außen für Disziplin sorgen oder sich selber einlassen und sich vor den Schülern zeigen auf einem Gebiet, das einem kaum vertraut ist, die Möglichkeit oder Gefahr, mit den Schülern gemeinsam baden zu gehen, eigene Ängste, Scham, Rollendefinitionen – das alles führte zu bewegten Diskussionen im Kollegium.
Die Wellen begannen, sich langsam zu glätten, als wir endlich fähig waren – es war wirklich eine Fähigkeit gefragt – unsere Verantwortung und Kontrolle sukzessive an das Projektteam abzugeben. Es blieb uns schlicht auch nichts anderes übrig. Die hatten nämlich das Navigationssystem.
Dieses bestand aus der Fähigkeit, unvoreingenommen, ohne Skepsis, sich unseren Schülern zu nähern und sich ihnen zu stellen, ihren Wünschen, ihren Ängsten, ihren Enttäuschungen. Es gibt wohl unter Tänzern nicht nur eine Körperintelligenz, sondern auch eine Körperempathie, die viel Verstehen ermöglicht, vermittelbar auch über Bewegung, nicht über Worte. Nahe an den Schülern bleiben, einschwingen und mitschwingen – die Daten gingen gleich über GPS an den Satellit, die Verortung wurde dort immer wieder neu gerechnet und korrigiert. So verliert das Navigationssystem das Ziel nicht, auch wenn es hinter dem Horizont zu sein scheint. Es funktioniert in der Art, dass es versucht, alles Störende aus der Wahrnehmung zu bannen und sich auf Gelungenes zu konzentrieren und daran festzuhalten. Für die Preisgabe dieses Geheimnisses danke ich der Kapitänin.
Land war noch nicht gleich zu sehen, aber das Vertrauen in die Mannschaft wuchs, auch bei den Schülern. Es zeigte sich, wie viel Bewegungsabläufe den Schülern in Erinnerung bleiben konnten. Stereotype Bewegungen konnten teils aufgegeben werden zugunsten sehr eigener Ausdrucksformen, skurile, gewagte, zarte. Zu erwähnen ist vielleicht noch, dass die Gruppe nur aus Jungen bestand, im Alter von 10 bis 13, in der Selbststeuerung fragmentiert geübt.
Für ein zweites Geheimnis möchte ich Wiebke Dröge noch danken, weil es bei mir ebenso etwas ausgelöst hat; es komme beim Tanzen nicht darauf an, wie man aussehe, sondern, wie man sich fühle. Dem ganzen Projektteam möchte ich danken für die freundliche, aufmunternde Begleitung einer Schiffsfahrt, die für mich noch nicht beendet ist.« (Peter Loewy, flankierend im Beiboot: Martina Stefan, 03.09.09)
Cora Stein
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Wiebke Dröge
wiebke(at)ohnepunkt.info
Hochschule für Musik und Darstellende Kunst
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Alois-Eckert-Schule
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60318 Frankfurt
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Tanzlabor_21
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Tanzplan Deutschland
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Peter Loewy