
Ulrike Crespo, Gründerin der Crespo Foundation, über Initialzündungen, Selbstvertrauen & das Entdecken der Kreativität
Die Fragen stellte Phyllis Kiehl, Künstlerin, Autorin und Redakteurin der Homepage
Frau Crespo, welche Erfahrungen haben den Ausschlag gegeben, die Crespo Foundation zu gründen? Gab es ein Schlüsselerlebnis?
Eigentlich mehrere. Zum einen sicherlich den Film »Rhythm is it«, der ein Tanzprojekt aus dem Jahr 2003 von Sir Simon Rattle und den Berliner Philharmonikern dokumentiert. Es wurde in Zusammenarbeit mit dem englischen Choreographen Royston Maldoom umgesetzt.
Das Projekt wurde in Berlin mit Kindern aus sogenannten »Problemschulen« verwirklicht, oder?
Über 250 Kinder und Jugendliche aus 25 Nationen! Die meisten von ihnen hatten noch nie bewusst klassische Musik gehört, geschweige denn einen Fuß dazu angehoben. Aber Royston Maldoom hatte als Tanzpädagoge schon Erfahrung mit Sozialprojekten ähnlicher Art gesammelt. Mit den Berliner Schülern übte er in sechs Wochen eine Aufführung von Igor Stravinskys Ballett »Le sacre du printemps« ein. Das Ganze wurde ein großer Erfolg.
Was hat Sie dabei besonders beeindruckt?
Im Film konnte man die künstlerische Intensität und Entschlossenheit von Sir Simon Rattle und Royston Maldoom fast körperlich spüren. Aber eben auch die wachsende Bereitschaft der jungen Leute, sich auf eine andere, fremde und sicherlich für die meisten »abgehoben« wirkende Welt einzulassen.
Sie sagten, es gab mehrere Schlüsselerlebnisse?
Auch der Spielfilm »Der Club der toten Dichter« hat mich seinerzeit nachdenklich gemacht. Da geht es um einen Englischlehrer in einem Internat in Vermont, der eine Gruppe von Schülern im Oberstufenalter unterrichtet. Er fordert sie heraus, sich mehr zuzutrauen, freier zu denken, führt sie mit unkonventionellen Methoden an Literatur und Poesie heran. Die Schüler begreifen im Verlauf des Films, welche Stärke darin liegt, sich einen Stoff, eine Idee mit allen Sinnen anzueignen. Und dann geht es ja erst richtig los…
Sie haben es sich nun mit der Crespo Foundation auch selbst zur Aufgabe gemacht, andere bei der Entfaltung ihrer kreativen Potentiale zu unterstützen. Zu welchem Zeitpunkt entschieden Sie sich für diesen Weg?
Ich habe nach dem Tode meiner Mutter im Jahr 1998 eine Erbschaft gemacht. Dadurch eröffnete sich mir die Möglichkeit, verbunden mit einem Gefühl der Verpflichtung, mich in größerem Umfang für Menschen einzusetzen, die materiell nicht so viel Glück hatten wie ich. Die aber neben dem finanziellen Aspekt auch noch eine weiter gehende Förderung und Unterstützung gebrauchen können.
Standen Sie da nicht bereits mitten im Berufsleben?
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich gerade dazu entschieden, in meiner Tätigkeit als Psychotherapeutin und Gruppenanalytikerin zu pausieren. Dadurch erhielt ich den Freiraum, mich eingehender mit der Gründung einer Stiftung auseinanderzusetzen. Ich hatte ja schon etwas Erfahrung mit der kleinen Stiftung »Crespo Chamber Music Foundation« gesammelt, die ich 1999 als Unterstützung der Kronberg Academy gegründet hatte. Die jetzige Struktur der Crespo Foundation entstand dann in enger Zusammenarbeit mit Karin Heyl, die 2006 die Geschäftsführung übernahm.
Stichwort Struktur: Wie definieren Sie den Begriff »ästhetische Erziehung«, der sich wie ein roter Faden durch die Arbeit der Crespo Foundation zieht?
Den prägte Friedrich Schiller in seinen Briefen »Über die ästhetische Erziehung des Menschen«. Uns geht es aber weniger um die philosophischen Bedeutungsfelder von Ästhetik, als um einen zeitgemäßen, pädagogischen Ansatz: Sinnliche Erfahrung im weiteren Sinne, und wie positiv sich diese auf das Bildungserleben und die persönliche Entwicklung auswirkt.
Sie haben die Crespo Foundation dann mit dem Credo »Menschen stark machen“ überschrieben: Wie wichtig sind Vorbilder, wenn man jung ist?
Sie helfen schon sehr als Orientierung. Der Wunsch kann enstehen, etwas in ähnlicher Weise zu machen, zu erreichen. Doch man sollte mit dieser Person eine reale Beziehung haben, in der Familie, auch in der Schule oder in Vereinen. Ich hatte zum Beispiel eine Deutschlehrerin…
Für die Sie schwärmten?
Im Gegenteil, ich mochte sie nicht besonders… Sie hat mich aber mit ihrer Art beeindruckt. Indem sie uns lehrte, Fragen zu stellen, uns nichts vorbeten zu lassen, ermutigte sie uns, kontrovers zu denken. Das fand ich gut! An ihrem Beispiel erfuhr ich etwas über Haltung. Letztendlich geht es dann aber immer um die eigene Erfahrung, aus der ein Gefühl von Stärke entsteht.
Und wenn man keine große künstlerische Begabung hat?
Die Freude an den eigenen Fähigkeiten findet ja zum Glück nicht nur auf höchstem Niveau statt. Wichtig ist es, sich überhaupt ästhetischen Erfahrungen zu öffnen, beim Tanz, beim Singen, in Kunst und Literatur… Das Erproben neuer Sichtweisen, die mit einem kreativen Ansatz vermittelt werden, bringt Freude und Selbstbewusstsein. Das ist die Stärke, die wir meinen. Manchmal entsteht diese auch erst über den Weg der Frustration.
Kennen Sie das auch?
Sicher! Wir bezeichnen uns als »lernende Stiftung« – auch auf unserer Seite läuft nicht immer alles rund. Andererseits gibt es Erfolge bei Fördermaßnahmen, die sich erst zeitverzögert einstellen, da braucht es einfach Weitsicht und Geduld. Zudem sind wir in der glücklichen Lage, uns die Menschen aussuchen zu können, die wir fördern: Das sind vor allem jene, die von sich aus motiviert sind, Ziele zu erreichen. Überzeugungsarbeit möchten wir nicht leisten.
Welche Eigenschaften braucht denn Ihrer Meinung nach ein junger Mensch, um eine starke, selbst bestimmte Persönlichkeit auszubilden?
Vor allem Neugier! Und Durchhaltevermögen. Offenheit und Toleranz. Und die Bereitschaft, sich auf etwas Neues einzulassen und nach Niederlagen weiter zu machen. Man sollte sich selbst immer eine neue Chance geben.
Das sollte möglichst früh anfangen, oder?
Dazu fällt mir eine Geschichte ein. Eine Klassenkameradin meiner Schwester hatte bereits mehrere Fünfer geschrieben. Eines Tages rief der Lehrer die Mutter des Mädchens an und berichtete, sie habe eine weitere Fünf bekommen, so ginge das nicht weiter, sie müsse sich mehr konzentrieren. »Oh, da muss ich jetzt aber schnell auflegen und in die Stadt fahren, ein Hühnchen kaufen!« rief die Mutter, »Hühnchen ist nämlich ihr Lieblingsgericht. Das wird sie jetzt brauchen. Sie muss ja am Boden zerstört sein.«
Das fand ich großartig damals. Sie hätte dem Lehrer ja auch antworten können: »Mit der werde ich mal ein Hühnchen rupfen!« Stattdessen hat sie ihrer Tochter eines zubereitet…
Was hat Sie an der Reaktion der Mutter überzeugt?
Ihr Einfühlungsvermögen. Wir versuchen das auch in unserer Arbeit. Es kommt vor, dass junge Leute dieses »das schaffst du schon« Gefühl aus der eigenen Familie überhaupt nicht kennen. Uns ist Vertrauen sehr wichtig – auch und gerade, wenn der Prozess einmal klemmt! Das verstehe ich unter »Menschen stark machen«.
Haben Sie eigentlich vor, den Wirkungsbereich der Stiftung noch weiter zu vergrößern?
Man muss sich disziplinieren. Das fällt nicht immer leicht, weil viele interessante Projekte an uns herangetragen werden. Doch mit der Förderung von Kindern, Künstlern und sozial Benachteiligten decken wir bereits ein recht großes Spektrum ab. Wir wollen uns nicht verzetteln.
Manche Konzepte lassen sich nur auf politischem Wege weiterverfolgen. Haben Sie je überlegt, selbst in die Politik zu gehen?
Ich mag klare Strukturen, aber keine langen Wege und stundenlanges Diskutieren, wo es irgendwann gar nicht mehr um die Sache selbst geht. Große Machtapparate wie in der Politik - das ist nicht mein Ding. Mit unserem kleinen Team sind wir nur uns selbst und den Menschen, die wir fördern, verantwortlich.
Können Sie beschreiben, welche Rolle Kreativität in Ihrer Stiftungsarbeit spielt?
Eine große! Dazu gehören auf jeden Fall die inhaltlichen Verbindungen, die wir zwischen unseren Förderbereichen aufbauen. Wir ermutigen zum Beispiel die von uns geförderten Künstlerinnen und Künstler, sich als Lehrende in Sozialprojekten einzubringen. Solche Konzepte zu entwickeln und durchzuführen erfordert eine Menge Intuition von allen Beteiligten - auch von uns! Nicht jede hochfliegende Idee ist gleich ein Treffer. Aber das Lernen geht ja immer in beide Richtungen…
Womit wir wieder bei der lernenden Stiftung wären.
Ja. Denn wir haben die wunderbare Möglichkeit, die Erfahrungen, die wir machen, sorgfältig zu bewerten und daraus unsere Schlüsse zu ziehen. Es ist ein großes Privileg, so arbeiten zu können.
Karin Heyl
Geschäftsführung
Telefon: +49 (0)69 27 10 795 0
karin.heyl(at)crespo-foundation.de
Katrin Krampe
Assistentin der Geschäftsführung
Telefon: +49 (0)69 27 10 795 0
katrin.krampe(at)crespo-foundation.de
Annette Marke
Referentin für Bildung und Kunst
Telefon: +49 (0)69 27 10 795 20
annette.marke(at)crespo-foundation.de
Cora Stein
Referentin für Bildung und Soziales
Telefon: +49 (0)69 27 10 795 14
cora.stein(at)crespo-foundation.de